Negativsymptomatik oder Effekte der Medikation?

  • Hallo liebes Psychose-Forum,


    ich hatte meine erste Psychose mit 19 Jahren, Drogeninduziert. Die Diagnose war damals "Psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide: Psychotische Störung". Anfangs war ich auf einer geschlossenen Station und bekam zur Entgiftung nur Tavor. Es war schrecklich dort. Ich war wie ein Stein, der keine Emotionen empfinden konnte und hatte ständige Angst, dass mir jemand etwas antun würde. Langsam realisierte ich, wo ich überhaupt bin und so wurde ich in eine offene Station gebracht. Ich verbrachte dort drei Monate, und ich muss sagen, dort hatte ich eine sehr gute Zeit, mit gleichaltrigen die das gleiche durchlebt hatten. Wir spielten Tischtennis und machten gemeinsam tolle Aktivitäten. Währenddessen wurde mir noch Risperidon eingeschlichen und Tavor ausgeschlichen. Da ich auf Risperidon eingestellt war, entschieden die Ärzte, dass mir Xeplion 150 mg verabreicht werden sollte, da ich öfters vergaß, das Risperidon von den Pflegern abzuholen. Als es dann zur Entlassung kam, wurde mir die interne Tagesklinik empfohlen, wo ich 5 Wochen verbrachte und auf das Arbeitsleben vorbereitet wurde. Dort war es ebenfalls sehr angenehm, und ich merkte, dass die Personen dort viel klarer im Kopf waren als auf der vorherigen Station. Die Entlassmedikation war anschließend 100 mg Xeplion. Ich war nun zu Hause, und meldete mich beim Arbeitsamt, welches mir regelmäßig Vermittlungsvorschläge für eine Ausbildung zuschickte. Die Suche war leider erfolglos, da ich nicht wusste, was ich bei den Vorstellungsgesprächen sagen sollte. So verlieb ich ein Jahr lang zu Hause, und in diesem einen Jahr spürte ich die Negativsymptomatik. Ich war niedergeschlagen, öfters traurig und schlief bis zu 14 Stunden am Tag. Ich wachte meistens immer um 16 Uhr auf. Alle meine Freunde sagten, dass ich mich verändert hätte, da ich so wenig Anteilnahme an unseren Gesprächen haben würde. Ich muss zugeben, das stimme auch. Leider fing ich auch wieder an, Cannabis zu konsumieren, weil ich darin Zuflucht fand (ich weiß, sehr dumme Idee). Ich verließ mich auf die momentane Medikation, weil ich dachte, mir würde schon nichts passieren. Nach dem erwähnten einem Jahr war es endlich soweit: Ich fing an, zu arbeiten. Meine Psychiaterin machte das sehr zu frieden, weil sie nun davon überzeugt war, die Medikation auf 75 mg zu reduzieren. Meine Kollegen in der Arbeit sagten ebenfalls, ich würde nicht viel reden, was mich auch kränkte. Ich fing an zu grübeln und zu recherchieren, woran das lag, nur war ich mir nicht sicher, ob es an den Medikamenten oder der Negativsymptomatik liegen würde. Das Xeplion wurde im Laufe der Zeit auf 50 mg reduziert, und ich merkte, dass ich immer mehr zum alten, extrovertierten jungen Mann wurde, der immer alle zum lachen brachte. Ich fing anschließend eine Ausbildung an, und im gleichen Monat wurde die Depot-Medikation auf 25 mg reduziert. Ich war so glücklich, eine Ausbildung zu haben und beinahe Medikamentenfrei zu sein (der Cannabiskonsum lief weiter, es kam noch Kokain dazu, welches ich an 2 Tagen intensiv konsumierte und anschließend nie wieder). Nach 3 weiteren Monaten wurde nun komplett ausgeschlichen, und ich war komplett wieder der Alte. Die Ausbildung ließ ich leider schleifen, weil der Cannabiskonsum anfing, mich faul zu machen, und so machte ich blau in der Berufsschule. Ich sagte mir die ganze Zeit, dass ich aufhören sollte, und so reduzierte ich den Konsum immer mehr, bis ich nun Drogenfrei war, und bamm - da war die zweite Psychose, diesmal mit der gleichen Diagnose wie bei der ersten, nur mit DD paranoide Schizophrenie. Ich wurde nun wieder eingewiesen, dieses Mal in eine komplett geschlossene Klinik, was ich als sehr schlimm empfand. Es gab hebephrene, weinerliche Phasen, und auch Phasen, in denen ich einfach so anfing zu lachen. Ich wurde nach komplett 8 Monaten entlassen (inklusive Tagesklinik), und nun war ich wieder zu Hause. Die Entlassmedikation war hier 100 mg Xeplion + 5 mg Abilify am Morgen. Die Negativsymptomatik ist nun etwas abgedämpfter, die depressiven Phasen sind seltener als bei meiner ersten Psychose (abgesehen davon, dass ich mich manchmal hilflos fühle und irgendwie das Gefühl habe, innerlich zu leiden und keinen Ausweg sehe). Ich bin seit sechs Monaten zu Hause, und nach meiner Vorstellung habe ich nun ein paar Fragen an euch: Liegt es wirklich an der Negativsymptomatik, dass ich kaum Emotionen empfinden kann und mich so fühle, als wäre ich in Watte eingepackt oder liegt es an der Xeplion-Medikation oder sogar auch an der geringen Menge von 5 mg Abilify, die ich täglich zu mir nehme? Was bedeutet überhaupt das DD in meinem Ärztebrief (Differentialdiagnose)? Habe ich nun Schizophrenie oder nicht? Meine Psychiaterin möchte meine Medikation auf 75 mg reduzieren. Ist das nach 6 Monaten Medikation OK oder noch zu früh? Ich bin für jede Antwort unerbitterlich dankbar! :)

  • Hatte selber nach der ersten Psychose vor 20 Jahren eine jahrelange, sehr schwere Depression.

    Es kam bei mir nicht von den Medikamenten.

    Jedenfalls habe ich oft abgesetzt, auch über monatelange Zeiträume ohne Medikation gelebt. Dabei kann ich folgenden Ablauf schildern, der so immer auftritt:
    Erste Tage nach komplettem Absetzen eine Art Hochgefühl, bis hin zu leichter Euphorie, Ideenflut und Tatendrang. Pläneschmieden und oft abstruse Zukunftsträumereien (Honneymoon Effekt).

    Nach etwa fünf bis sechs Tagen tritt anstelle der positiven Gefühle eine Art Reizbarkeit. Aggressionen treten dann mit der Zeit immer häufiger auf, dazu Muskelbewegungen wie Kiefermuskelanspannen und spürbare Verspannung der Gesichtsmuskeln, Zungenrollen.

    Im weiteren Verlauf verflachen die Emotionen wieder komplett, und nach zwei bis drei Wochen pendelt sich ein Zustand ein, der depressiver ist als unter Neuroleptikum, durchbrochen von aggresiven Schüben und auch wahnhaftem Verhalten und Grübeleien.

    Das geht dann über Monate so.

    Wenn ich dann wieder Aufdosiere, geht die Depressivität zurück und der Geist entspannt sich. Emotionale Leere bleibt.


    Klar wird es einen Effekt haben, wenn das Dopamin an den Rezeptoren nicht andockt. Ausbleiben von stärkerem Vertiefen in Arbeit/Hobby (kein "Flow"), und je nach Höhe der Dosis wird man auch emotional abstumpfen.

    Die Erkrankung trägt jedoch bei mir viel stärker dazu bei. Unterscheiden kann man zwischen den beiden Ursachen nur, indem man sich kennenlernt und auch lernt zu spüren, wie die Medikation auf dein Gemüt und Denken wirkt. Spätestens nach einem Absetzversuch weißt du es dann.