Persönlichkeitsveränderung nach Psychose?

  • Hallo und guten Tag!


    Ich bin in den Vierzigern, Unternehmer, Familienvater.

    Anfang des letzten Jahres bin ich erstmals an einer Psychose erkrankt. Klinikaufenthalt 4 Wochen, anschließend ambulante Therapie, Medikamente. Seit ein paar Wochen arbeite ich wieder und bin soweit "stabil". Allerdings bin ich nicht mehr der Alte.

    Daher benötige ich Informationen zur obigen Frage: Ist es möglich, dass eine Psychose den Charakter oder die Grundpersönlichkeit verändert?


    Wenn ja, inwiefern habt ihr Veränderungen bemerkt? Was war nach dem Ereignis anders?

  • Hallo Freddi00 ,


    bei mir war es ähnlich. Ich bin Ende Dreißig, berufstätig, hatte Mitte letzten Jahres das erste mal eine Psychose. Teilstationär in der Klinik 8 Wochen, danach zurück zur Arbeit mit Hamburger Modell. Dann einige Zeit arbeiten. Dann Medikamentenumstellung und wieder krank geschrieben. Veränderungen, die ich an mir seit der Psychose bemerkt habe: Ich bin auch nicht mehr die Alte. Liegt es an den Medikamenten oder an der Krankheit oder an beidem? Ich bin nicht mehr so fröhlich, ich bin nicht mehr so traurig, ich bin wie in Watte gepackt. Müde, antriebslos, emotionslos, ängstlich. Mein Selbstwertgefühl ist geschmälert. Das alles hat sich seit Mitte letzten Jahres bei mir geändert. Ich hoffe, das sich das wieder verbessert. Wie ist es bei dir? Welche Veränderungen merkst du? Kommst du gut mit deinen Medikamenten klar? Hast du auch Negativsymtome? Alles Gute für Dich.


    Viele Grüße

    Friedo

  • Ja, definitiv Negativsymptome.


    Mir fällt alles viel schwerer, ich kann nicht mehr so richtig Freude empfinden. In meinem Job habe ich viel Kundenkontakt, das hat mir immer Spaß gemacht und mich motiviert, jetzt ist das anders. Früher war ich sehr extrovertiert, jetzt bin ich wohl das komplette Gegenteil. Daher auch der Titel: Persönlichkeitsveränderung.


    Medikamente sind in Ordnung, ich bekomme nur eine geringe Dosis und merke kaum einen Unterschied. Leichte Gewichtszunahme.


    Mal anders gefragt: Gibt es unter euch jemanden, der nach der Psychose irgendwann wieder der Alte war?




    Dir ebenfalls alles Gute.

  • Hallo Freddi00,

    Ich weiß nicht so Recht ob man wirklich wieder ganz der Alte wird. Die Erkrankung bringt mit sich, dass man sich verändert denke ich. Versuche dich wieder an die Person zurück zur erinnern die du Mal warst..an die positiven Seiten. Zb welche Aktivitäten du gerne gemacht hast. Mir hilft das sehr gut wieder ein fröhlicherer Mensch zu werden und unter anderem die Psychotherapie ist ein sehr wichtiger Aspekt, um mit der negativ Symptomatik klar zu kommen.

    Bist du denn noch ambulant in Behandlung?

    Alles gute dir auf jeden Fall schonmal

  • Hallo ihr Lieben,


    ich hatte vor 5 Jahren mit 30 die erste und bislang letzte Psychose. Und ich kenne was ihr beschreibt nur zu gut. Das Gefühl danach, diese Leere, man kann es Menschen die es nicht erlebt haben kaum mit Worten beschreiben, dieses was in der Fachsprache "Negativsymptome" genannt wird, oder die Nebenwirkungen der Medikamente, oder beides. Das kann man ja nicht wirklich sagen. Es ist mit einer Depression nicht gleichzusetzen, ein ganz einmaliger Zustand war das bei mir nach meiner Psychose, darum habe ich mich im ersten und auch noch zweiten Jahr nach der Psychose so viel in Psychose-Foren aufgehalten und mitgelesen. Mein Bedürfnis war so stark mich mit Menschen auszutauschen, die durch die gleiche Hölle gegangen sind und gehen und die nachvollziehen können wie es mir geht. Bei anderen Menschen habe ich mich unverstanden gefühlt.


    Ich habe mich nach meiner Psychose auch stark verändert. Ich war ruhiger, unsicherer, ängstlicher, langsamer, interessenärmer, aber auch bodenständiger und realistischer. Ich konnte nicht mehr lachen. Ich habe Videos angeschaut, die mir vorher Tränen vor Lachen in die Augen trieben und konnte überhaupt nicht mehr nachvollziehen, wie ich das mal lustig finden konnte. Es war echt verrückt, ich hatte dann plötzlich auch ganz andere, pragmatischere Berufsvorstellungen als vorher und ich war resignierter. Ich hab vom Leben nicht mehr viel erwartet, so könnte man es beschreiben. Ich habe auch immer gedacht "die Alte" werden zu wollen, so gravierend war der Unterschied zwischen vorher zu nachher. Ich habe mich nicht mehr wie ich selbst gefühlt.


    Ich schreibe hier jetzt vor allem, um allen Menschen Mut zuzusprechen, die das gerade durchmachen. Denn heute 5 Jahre später bin ich längst "die Alte" und noch viel viel besser als "die Alte". Es braucht ein bisschen Zeit und die Heilung verläuft nicht linear, aber es gibt verdammt guten Grund zur Hoffnung, dass es wieder wird wie früher, mit all euren Emotionen und Interessen und der Lebendigkeit. Und das Beste: sogar noch besser!


    Denn mittlerweile, und damals hätte ich so etwas nicht mal zu denken gewagt, bin ich ein Stück weit dankbar für die Erfahrung. Ich habe mein Leben danach radikal Richtung Gesundheit umgestellt. Gehe viel vorsichtiger und achtsamer mit mir selbst und meinem Leben um. Ich habe einen guten Blick für meine Grenzen entwickelt und eine gute Beziehung zu mir selbst erarbeitet. Wichtig in meinem Verlauf war, dass ich mir wirklich Zeit für die Genesung gelassen habe, also nur schrittchenweise die Anforderungen gesteigert. Ich mache bis heute therapeutisch sehr viel und bilde mich auch stängig im Bereich Recovery fort (arbeite selbst als Sozialpädagogin). Diese Motivation gesund zu leben, die hätte ohne Erkrankung nie so groß sein können. So prüfe ich strenger, was mir gut tut und meine Ausrichtung ist klarer. Der Haken ist, ich habe in Krisenzeiten schon Angst erneut zu erkranken, das Gute daran, diese Angst zwingt mich dazu dann kürzer zu treten und gut für mich zu sorgen. Das sehe ich heute ein Stück weit als Privileg. Auch hat mich die Erfahrung allgemein tiefer und wesentlich toleranter gemacht. Meine alte Persönlichkeit kam voll und ganz wieder zurück und hat sich noch weiterentwickelt, dass ich sage, ich will garnicht mehr "die Alte" sein, die vor der Psychose. Ich bin jetzt noch viel mehr ich selbst.


    Ich wünsche allen, die gerade im Genesungsprozess sind, viel Kraft, Liebe und Geduld. Es wird besser! Passt auf euch auf.

  • Daher benötige ich Informationen zur obigen Frage: Ist es möglich, dass eine Psychose den Charakter oder die Grundpersönlichkeit verändert?


    Wenn ja, inwiefern habt ihr Veränderungen bemerkt? Was war nach dem Ereignis anders?

    Hallo Freddi00


    Ja durchaus ändert die Erkrankung aber auch die Medikamente die Persönlichkeit. Die Erkrankung in eine Richtung, die Medikamente in eine Andere oder eher entgegengesetzte Richtung.

    Das Schwierige ist das es keine medikamentösen Standardtherapien gibt die eine gesunde Mitte anstreben sondern meistens man durch die Neuroleptika die hauptsächlich oder fast ausschließlich gegeben werden dann auch verändert oder eventuell auch motivationslos ist weil das zu den Negativsymptomen der Erkrankung gehört.

    Mein Ratschlag ist hier im Forum der medikamentösen Alternativoption zu folgen und das zusammen mit den behandelnden Arzt abzusprechen, damit du diese Medikamente auch bekommst:
    Medikationsempfehlung Psychose

    Aripiprazol ist ein neueres Standardneuroleptikum was etwas weniger Nebenwirkungen hat aber an sich immer noch zur Standardtherapie gehört.

    Bupropion ist ein Antidepressivum was den Unterschied macht und diese Persönlichkeitsveränderungen reduziert / ausgleicht, das wirkt wiederum gegen Negativsymptome, so das man wieder Motivation und alles hat und sich eben auch Normal fühlt dabei.

    Citalopram ist ein anderes Antidepressivum zum reduzieren von Nebenwirkungen die vereinzelt auch beim Bupropion auftreten können, das Emotionale wird etwas abgeflacht was beim Abilify sinnvoll ist. Andere Neuroleptika haben meist schon so eine dämpfende Komponente was sich da aber schwer einstellen / regulieren lässt.

  • Yo Freddi00!

    Ja kenne das! Das In-Watte-Gepackt-Sein ist auf jeden Fall ne Nebenwirkung der Neuroleptika. Das ist nicht nur deine Erfahrung oder meine, sondern DER Nummer 1 Grund, warum spontan abgesetzt wird.


    Der Beitrag von Malwina macht mir Mut, danke dafür!


    ich heile grad selbst noch. Paranoia, Misstrauen... ich bin irgendwie asozial geworden... ich bin mir sicher, das wird wieder.


    ich hoffe, du findest dein Lachen wieder, ich suche grad selbst noch meins...es taucht zwar zwischendurch immer wieder auf, aber dann ist es lange unendlich weit weg.


    Zur Frage, ob Psychosen die Persönlichkeit verändern: Ja, auf jeden Fall. Zum Guten. Ich war früher ein Mensch, der andere beleidigt hat und sie ausgelacht hat...irgendwie unbeschwerter als heute, ich war noch ein Kind.


    Ich bin zwar heute nicht so frei in meiner Seele, wie damals, aber viel bewusster in meinem Dasein und Handeln. Die schönen Momente haben mich inspiriert und die schlechten bescheidener gemacht.

  • Kuchen


    Hier behauptest du das du "gerade noch heilst" anderweitig behauptest du gesund zu sein. Was passt nun?
    Im Grunde ist Paranoia und Misstrauen schon Symptomatik und an sich gehört zur Erkrankungseinsicht eben dazu sich einzugestehen immer noch krank zu sein, die Frage wäre nur wo man sich im Verlauf befindet.

    Wie lange bist du jetzt genau ohne Medikamente? Also bei mir ging es maximal ein halbes Jahr - Jahr ohne, dann wurde es schon akut.

    In wiefern bist du von der Konzentration und so im täglichen Leben durch die Erkrankung verändert oder eingeschränkt?

  • Ja, ich heile noch. Meine Seele IST gesund. Meine Körper und meine Gedanken ziehen nach. Ich bin seit 8 Wochen seelisch gesund.

    Ich habe 11 1/2 Jahre mit einer zersplitterten Seele gelebt. Klar dauert es ein bisschen länger nach so einer Zeitspanne voll zu genesen, denke ich.


    ich bin seit 3 Monaten clean. Ich hab das schon ein paar Mal mit demselben Medikament, das ich zuletzt nahm gehabt. Es war immer das gleiche: spätestens 1 Monat nach dem Absetzen gings los.


    Und ich glaube, es ist, wie man damit umgeht. Wenn man seinen Wahn für wahr hält, ist man akut krank. Wenn man traumatisiert ist und der Kopf bestimmte Muster „abspielt“, man das aber bewusst wahrnimmt, ist man nicht psychotisch. Und da bin ich gerade. Ich „erlebe“ meine Gedanken. Wie einen Film. Nicht sie kontrollieren mich, sie passieren und ich gucke zu.

    Zumal ich der Meinung bin, dass frühkindliche und kindliche Traumata miteinfließen und meine Psychose mitverursacht haben Und in den schlimmsten Phasen das Fundament für meine schlimmsten Wahnvorstellungen gelegt haben. Mein emotionaler Hafen ein Gefühl ist, wie ein Beutetier, das grad totgeschüttelt wird. Ich seh das realistisch, das ist wo ich grad stehe.


    Aber ich hab das geschafft, was KEINER der Ärzte konnte, die das jahrelang studiert und Jahrzehnte lang praktiziert haben: ich hab meine Seele wieder vereint. Und wenn ich das geschafft habe, dann schaffe ich das bisschen Traumaaufarbeitung auch noch.

    So sehe ich das.