Antidepressiva (AD'S)

  • Antidepressiva (Ad's)


    Antidepressiva oder Thymoleptika sind eine Klasse von Psychopharmaka, die vornehmlich in der Behandlung von Depressionen verwendet werden. Sie können darüber hinaus aber auch bei einer Vielzahl von anderen psychischen Störungen sinnvoll eingesetzt werden. Weitere Anwendungsgebiete sind z. B.


    Zwangsstörungen und Panikattacken,

    einige Angststörungen oder Phobien, die posttraumatische Belastungsstörung,

    Essstörungen, chronische Schmerzen und Entzugssyndrome,

    Schlafstörungen und das prämenstruell-dysphorische Syndrom.


    Wirksamkeit


    Verschreibungspflichtige Medikamente


    Trizyklische Antidepressiva (TZA)

    Trizyklische Antidepressiva, kürzer Trizyklika, leiten ihren Namen (trizyklisch – von griech.: drei Ringe) von der dreifachen Ringstruktur dieser Wirkstoffe ab. Strukturelle und damit auch neurophysiologische Unterschiede zeigen sich in der Substitution und in den Seitenketten dieser Aromate. Das erste trizyklische Antidepressivum Imipramin wurde 1956 von Ciba-Geigy entwickelt. Als weitere Substanzen folgten zum Beispiel Clomipramin und Amitriptylin. Sie greifen in mehrere Neurotransmittersysteme gleichzeitig ein, indem sie die Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin hemmen und auf Acetylcholin-, Histamin- oder auch Adrenozeptoren wirken. Daher sind bei trizyklischen Antidepressiva auch die Nebenwirkungen vielfältig.


    Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SRI)


    Trizyklische SRI wirken vor allem als Serotonin-Wiederaufnahmehemmer.


    Wirkstoffe sind:

    Clomipramin (z.B. bei Angst- und Panikstörungen, Zwangsstörungen)







    Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (NRI)

    Trizyklische NRI wirken vor allem als Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer.

    -Stoffe vom Desipramin-Typ wirken eher wachmachend bzw. antriebssteigernd, sie sind besonders zur Behandlung der gehemmt-depressiven Depression geeignet


    Wirkstoffe sind:

    Desipramin

    Lofepramin

    Nortriptylin

    Daneben noch Maprotilin – als Trizyklikum aufgefasst.



    Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)

    Trizyklische SNRI wirken vor allem als Serotonin-und-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer.

    -Stoffe vom Amitriptylin-Typ wirken eher beruhigend (dämpfend) und sind besonders zur Behandlung der agitiert-ängstlichen Depression geeignet

    -Stoffe vom Imipramin-Typ sind antriebsneutral und wirken vor allem stimmungsaufhellend, sie können sowohl zur Behandlung des agitiert-ängstlichen als auch des gehemmt-depressiven Depressionstypus eingesetzt werden

    Wirkstoffe sind:

    Amitriptylin (z.B. Schmerztherapie)

    Dibenzepin

    Doxepin

    Imipramin




    trizyklische Antidepressiva mit andersartigem oder ungesichertem Wirkmechanismus (TZA)

    Trimipramin ist ein trizyklischer Wirkstoff, bei dem die hauptsächliche monoaminerge Wirkkomponente noch nicht sicher geklärt werden konnte.


    Genotoxisches Potential der TZA


    Einige trizyklische Antidepressiva führten bei der Fruchtfliege zu Erbgutschäden und erhöhen nach neuen Studien möglicherweise das Brustkrebsrisiko. Dazu zählen: Clomipramin, Desipramin, Doxepin, Imipramin, Trimipramin sowie weitere in Deutschland nicht zugelassene trizyklische Antidepressiva.


    Bei anderen trizyklischen Antidepressiva konnte kein mutagenes oder karzinogenes Potential nachgewiesen werden. Dazu zählen Amitriptylin und andere, jedoch in Deutschland nicht zugelassene Wirkstoffe.



    Tetrazyklische Antidepressiva

    Noradrenerges und spezifisch serotonerges Antidepressivum (NaSSA)


    Diese tetrazyklischen im Englischen Noradrenergic and Specific Serotonergic Antidepressants (NaSSA) heißenden Wirkstoffe sind Antagonisten an präsynaptischen Auto-Rezeptoren des Alpha-2 Adrenozeptortyps und bewirken dadurch eine verstärkte Ausschüttung von Noradrenalin. Zudem sind sie Antagonisten an spezifischen Serotoninrezeptoren, meist 5-HT2A und 5-HT2C. Meist wirken sie als H1-Antihistaminika sedierend. Sie werden bei Depressionen (besonders bei Hemmung, Gewichtsverlust, Schlafstörung und Ängsten), teilweise werden NaSSA auch als Schlafmittel eingesetzt.

    Wirkstoffe: zum Beispiel

    Mirtazapin

    Mianserin

    Selektive Antidepressiva


    Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)

    Die SSRI blockieren speziell die Rezeptoren, die für die Wiederaufnahme des Botenstoffes Serotonin zuständig sind. Die durch Eingriff in weitere Transmittersysteme verursachten Nebenwirkungen der trizyklischen Antidepressiva spielen bei der SSRI-Behandlung eine entsprechend geringere Rolle.

    zum Beispiel

    Fluvoxamin

    Fluoxetin

    Citalopram

    Escitalopram


    Sertralin

    Paroxetin

    Vortioxetin


    auch bei Angststörungen, Panikattacken, Zwangsstörungen und Bulimie


    Schon kurz nach Einführung der ersten Wirkstoffe dieser Gruppe wurde über gewalttätiges Verhalten und Suizide unter SSRI-Medikation berichtet; eine möglicherweise suizidalitätssteigernde Wirkung dieser Substanzen ist bislang weder gesichert noch widerlegt. Beim Absetzen von SSRI nach längerer Einnahme kann sich ein Absetzsyndrom (SSRI Discontinuation Syndrome) entwickeln. Eine Abhängigkeit von SSRI entsprechend der DSM-IV-Definition ist aber nicht bekannt.



    Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiedaraufnahmehemmer (SSNRI)

    Die Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI) hemmen die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin. Einsatzgebiete sind Depressionen und Angststörungen.


    Wirkstoffe sind

    Venlafaxin

    Duloxetin

    Milnacipran




    Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)

    Die NARI hemmen den Transporter, der Noradrenalin nach erfolgter Signalübertragung natürlicherweise wieder zu den Speicherplätzen zurückbefördert. Noradrenalin verbleibt länger am Wirkort, und seine Wirksamkeit als Signalüberträger steigt. Wirkstoffe dieser Gruppe sind zum Beispiel

    Reboxetin

    Viloxazin


    Anwendungsgebiete sind akute depressive Erkrankungen, darunter mit Antriebsstörungen einhergehende Depressionen. Viloxazin wurde im Juli 2006 vom Markt genommen. Reboxetin hingegen ist in Deutschland weiterhin auf dem Markt. Jedoch müssen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für Medikamente mit dem Wirkstoff Reboxetin seit 1. April 2011 nicht mehr tragen. Die Kosten muss der Patient nun selbst bezahlen, falls die Krankenkasse des Patienten keine Ausnahme macht.



    Selektive Dopamin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNDRI)

    Die NDRI hemmen die Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin. Einsatzgebiete sind Depressionen, vor allem bei Antriebsschwäche.


    Die bisher einzigen Wirkstoffe in dieser Klasse sind


    Amineptin

    Methylphenidat, wobei letzterer Wirkstoff für die antidepressive Therapie keine Zulassung hat.

    Bupropion



    Dopamin-Wiederaufnahmehemmer (DRI, DARI)

    Amineptin ist seit 2005 gemäß BtMG (D) nicht mehr verschreibungsfähig. Es war die einzige verschreibungsfähige, arzneilich als Antidepressivum verwendete Substanz, die eine Sucht auslösen konnte. Weitere DRI sind Nomifensin und Medifoxamin, die aber wegen starker Nebenwirkungen mittlerweile nicht mehr gebräuchlich sind.



    Andere Arten von Antidepressiva

    Monoaminoxidasehemmer (MAO-Hemmer/MAOI/RIMA)

    MAO-Hemmer wirken durch eine Blockade der Monoaminoxidase Enzyme. Diese Enzyme bauen normalerweise Monoamine wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin ab und verringern dadurch deren Verfügbarkeit zur Signalübertragung im Gehirn.


    MAO-Hemmer werden in selektiv oder nichtselektiv sowie reversibel oder irreversibel unterteilt.

    Selektive Inhibitoren der MAO-A

    (z. B. Moclobemid, reversibel) hemmen nur den Typ A der Monoaminoxidase. Sie zeigen eine antidepressive Wirkung und sind meist gut verträglich.


    Selektiv MAO-B-hemmende Wirkstoffe

    (z. B. Selegilin, Rasagilin, beide irreversibel) werden in erster Linie in der Parkinson-Behandlung eingesetzt.


    Nichtselektive MAO-Hemmer (z. B. Tranylcypromin, irreversibel) hemmen MAO-A und MAO-B und sind stark wirksam gegen Depressionen und Angststörungen. Irreversible MAO-Hemmer binden die MAO-A bzw. MAO-B dauerhaft. Um diese Wirkung aufzuheben, muss das betroffene Enzym vom Körper erst neu gebildet werden, was Wochen dauern kann. Reversibilität bedeutet, dass das Medikament nur schwach an die MAO bindet, und MAO-A bzw. MAO-B spätestens mit dem Abbau des Medikaments wieder intakt frei gibt.


    Es muss zwischen der Einnahme eines irreversiblen MAO-A-Hemmers und einem anderen Antidepressivum eine Wartezeit eingehalten werden, um schwerwiegende Interaktionen zu vermeiden (zum Beispiel das Serotonin-Syndrom).



    Serotonin-Antagonist-und-Wiederaufnahmehemmer (SARI)

    Diese im Englischen Serotonin Antagonist and Reuptake Inhibitor (SARI) heißenden Wirkstoffe sind Antagonisten an Serotoninrezeptoren, meist (5-HT2A). Zudem sind sie meist Antagonisten des Alpha-1 Adrenozeptortyps.


    Ein Wirkstoff aus dieser Gruppe ist das Trazodon.




    Glutamerge Modulation

    Tianeptin hat eine modulierende Wirkung auf glutamerge NMDA- und AMPA-Rezeptoren und scheint auf diese Weise stressbedingte Veränderungen im Hippocampus und präfrontalen Cortex verhindern bzw. rückgängig machen zu können.



    Serotonin-(5-HT2)-Antagonist und Melatonin-(MT1- und MT2)-Agonist

    Agomelatin wirkt agonistisch auf die melatonergen MT1- und MT2-Rezeptoren und antagonistisch auf die serotonergen 5HT2C-Rezeptoren. Die dem Melatonin strukturell verwandte chemische Verbindung aus der Gruppe der Antidepressiva wird in der Behandlung von Episoden einer Major Depression bei Erwachsenen eingesetzt.

    Ketamin zur schnellen Akutbehandlung

    Für die Behandlung von depressiven Notfällen (Suizidgefährdung) hat sich in der klinischen Forschung seit 2010 die schnelle Wirkung von Ketamin, einem Antagonisten am Glutamat-NMDA-Rezeptorkomplex, bewährt.



    Phasenprophylaktika (Stimmungsstabilisatoren) mit antidepressiver Wirkung
    Für die Prophylaxe von Depressionen werden andere Arzneimittel verwendet als für die Akuttherapie. Dabei wird zwischen monopolarem Verlauf und bipolarem (Wechsel zwischen manisch und depressiv) Verlauf unterschieden.


    Lithium (in der Regel mit komplexem Wirkungsmechanismus)

    Valproat: In mehreren Studien konnte keine signifikante antidepressive Wirkung von Valproat festgestellt werden, jedoch eine gute anti-manische Wirkung.

    Carbamazepin: Eine eindeutige antidepressive Wirkung wird von mehreren Studien bestätigt; beste Datenlage hinsichtlich eines antidepressiven Effektes unter allen Antikonvulsiva.

    Lamotrigin: Die vorhandenen Daten sprechen für einen antidepressiven Effekt (bei monopolaren Depressionen) bei diesem Antikonvulsivum, obwohl es nicht viele Studien über eine antidepressive Wirkung von Lamotrigin bei monopolaren Depressionen gibt. Kein Zweifel besteht jedoch an seiner antidepressiven Wirksamkeit im Rahmen einer bipolaren Störung - in Deutschland ist es als Präventionsmittel gegen depressive Episoden bei bipolaren Störungen zugelassen.



    Nebenwirkungen Antidepressiva


    Frei verkäufliche Wirkstoffe oder Anwendungsmöglichkeiten

    Phytopharmaka (Pflanzliche-Arzneimittel)

    Ein Phytopharmakon (griechisch φυτόν phyton (Pflanze) und φάρμακον pharmakon (Arzneimittel)) ist ein in der Phytotherapie verwendetes Fertigarzneimittel, dessen wirksame Bestandteile ausschließlich pflanzlicher Herkunft sind. Ein Phytopharmakon besteht aus einem oder mehreren pflanzlichen Wirkstoffen, wobei die pflanzlichen Wirkstoffe zumeist selbst Vielstoffgemische verschiedener Pflanzeninhaltsstoffe sind.


    Johanniskraut


    Aminpräkursoren

    Im Rahmen der Depressionsbehandlung sind mit Aminpräkursoren die Stoffwechsel-Vorstufen der Monoamin-Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und Dopamin gemeint. Darunter fallen L-Tryptophan, 5-Hydroxytryptophan für Serotonin und L-Phenylalanin, L-Tyrosin und L-DOPA sowohl für Noradrenalin als auch Dopamin.


    Omega-3-Fettsäure Eicosapentaensäure (EPA)

    Es konnte nachgewiesen werden, dass die Omega-3-Fettsäure Eicosapentaensäure (kurz: EPA) einen antidepressiven Effekt bei einer Dosierung von mehr als 1 g/Tag aufweist. Auch auf Schizophrenie hat EPA einen positiven Effekt.


    Licht als Antidepressivum

    Licht hat Auswirkung auf die Transmitter-Spiegel im Körper. Bei relativem oder absolutem Lichtmangel, also bei dem insbesondere als „Winterdepression“ bekannten Phänomen, fehlt dem Gehirn die Wirkung des über die Augen aufgenommenen Lichtes. Dadurch steigt der Melatoninspiegel, ein Signal für den Körper, das normalerweise Schlafbereitschaft signalisiert. Der Serotoninspiegel sinkt.


    Vitamin D3

    Cholecalciferol (Vitamin-D3) ist genau genommen kein Vitamin, sondern ein Prohormon (der Körper kann es im Gegensatz zu echten Vitaminen selbst bilden). Aus Cholecalciferol wird das Hormon Calcitriol gebildet. Calcitriol (auch Vitamin-D-Hormon genannt) wirkt dabei im Zusammenspiel mit Vitamin-D-Rezeptoren im Körper sehr viel breiter, als nur in Zusammenhang mit der bekannten Knochenbildung, u. a. eben auch in Bereichen, die unmittelbar Auswirkungen auf die Stimmungslage haben. Den Ergebnissen einer Studie der Universität Amsterdam zufolge ist der Vitamin-D-Gehalt im Blut bei Patienten mit Depressionen durchschnittlich 14 % niedriger als in der Kontrollgruppe.[34] Der Effekt einer Behandlung mit Vitamin D3 ist aber gering.