Schizophrenie: Eine häufige Krankheit?

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    Seit einem halben Jahrhundert ist es Lehrbuchwissen, dass das Risiko, an einer schizophrenen Psychose zu erkranken bei etwa einem Prozent liegt – und zwar überall in der Welt. Die Schizophrenie gilt entsprechend als relativ seltene Krankheit. Epidemiologische Forscher in Deutschland und in Skandinavien zweifeln neuerdings daran, dass diese niedrigen Erkrankungsraten zutreffen. Die Analyse des letzten Deutschen Gesundheitssurveys von 2012 durch den Dresdner Epidemiologen Frank Jacobi und seine Mitarbeiter im Fachmagazin „Nervenarzt“ (doi:10.1007./s00115-013 361-3961-y) stellten im Rahmen einer repräsentativen Erhebung vielmehr fest, dass 2,6 Prozent der Bevölkerung im Zeitraum eines Jahres an psychotischen Störungen erkrankten. Zwar wurden ihre Daten durch Intensivinterviews von behandelten und nicht behandelten Personen gewonnen – und nicht durch ärztliche Untersuchung. Ihre Ergebnisse verdienen es dennoch, ernst genommen zu werden, zumal sie jetzt von einer groß angelegten dänischen Studie bekräftigt wurden, die kürzlich in der Zeitschrift „Jama Psychiatry“ erschien (doi:10.1007/jamapsychiatry.2014.16).


    Dänische KrankenregisterDie neuen Daten wurden auf der Grundlage der dänischen Krankenregister über fast sechzig Millionen Personenjahre gewonnen. Die Kopenhagener Wissenschaftler um Carsten Pedersen stellten dabei für den Untersuchungszeitraum von zwölf Jahren eine Erkrankungshäufigkeit von 3,06 Prozent bei Männern und 2,43 Prozent bei Frauen fest. Anders als der deutsche Gesundheitssurvey stützen die dänischen Wissenschaftler sich auf Daten klinisch und ambulant behandelter Kranker.


    Leider erlaubt ihr Forschungsansatz keine Aussagen darüber, wie viele Menschen mit chronisch verlaufenden schizophrenen Psychosen jeweils unter uns leben. Bei einer Ausheilungsquote von zwanzig bis dreißig Prozent und angesichts der frühen Sterblichkeit von Psychosekranken muss man jedoch davon ausgehen, dass ihr Anteil bei etwa zwei Prozent der Bevölkerung liegt. Die gut abgesicherten Feststellungen der dänischen Wissenschaftler sind geeignet, das Bild von der Krankheit und die Einschätzung ihrer sozialen und gesundheitspolitischen Konsequenzen nachhaltig zu verändern.

    Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wis…e-krankheit-13323077.html