Herr Doktor Nenchev bei der Arbeit

  • Herr Doktor Nenchev bei der Arbeit
    Von Benjamin Bessert


    Vorwort
    Laut Vereinten Nationen ist psychiatrische Zwangsbehandlung Folter. Folter kennt keine Zahlen. Es gibt keine doppelte Folter, keine tausendfache, keine milliardenfache Folter. Folter ist Folter! Und meiner Auffassung nach pflanzt sie sich nach einer Zwangsbehandlung immer weiter fort. Dieses sarkastisch überspitzte Gespräch könnte sich ebenso gut auch in einer Aufnahmestation abspielen.
    Die Geschichte wird März 2016 ins Schweizer Literaturarchiv aufgenommen.



    Hallo Herr Doktor Nenchev.
    „Hallo. Sie sind der Herr Bessert? - Hat mir die Sprechstundenhilfe schon gesagt.“
    Herr Doktor, mir geht es so schlecht. Alles in meinem Leben ist so verzweifelt. Ich habe es schon zustande gebracht, dass ich vier Wochen lang nicht mit meiner Frau gesprochen habe. Diese Verzweiflung in meinem Leben ist nicht mehr auszuhalten.
    „Das geht ganz einfach. Es gibt da so eine neue Methode. Habe ich kürzlich eine Studie darüber gelesen.“
    Und wie geht die?
    „Ich schneide Ihnen einen Finger ab. Den kleinen. Links oder rechts – können Sie sich aussuchen.“
    Und das hilft? Wird dann mein Leben besser?
    „Der Studie nach schon. Selber ausprobiert habe ich es noch nicht.“ (lacht, zeigt seine Hände und dreht sie flink hin und her, dass Herr Bessert sie sehen kann.)
    Das ist ja furchtbar. Gibt es da nicht eine Alternative?
    „Ja, Clozapin, 200mg, drei mal am Tag.“
    OK. Und was ist das? Wie kommen Sie auf die Dosierung?
    „Ich hatte schon mal so einen Fall, der vier Wochen lang nicht gesprochen hat. Da hat das auch geholfen. Der Mann redet wieder. Den ganzen Tag. Er liegt im Bett und redet mit sich selber.“
    Ja, aber was ist denn das, Clozapin. Ich überlege – das Clozapin oder der eine Finger.
    „Ach, sie wissen immer noch nicht, ob der linke oder der rechte? Moment, dass notiere ich mir mal gleich.“ (nimmt einen Kuli und murmelt) „Ent- schei--- dungs-- schwach.“
    Halt, Herr Nenchev, streichen Sie das bitte gleich wieder durch. Ich entscheide mich ganz schnell: der linke.
    (krakelt das Wort wieder weg) „Gute Wahl. Die Studie sagt, wer den linken zuerst nimmt, bei dem bleibt der rechte in der Regel dran.“
    Wieso denn das? Ich dachte, es geht nur um den einen Finger?
    „Ach so, dass habe ich nicht erwähnt. Wenn ein kleiner Finger nicht hilft, ist man mittlerweile dazu übergegangen beide Fingern abzuschneiden.“
    Das ist ja schrecklich, Herr Nenchev. Ich nehme doch lieber dieses Clozapin.
    „Das würde ich ihnen nicht empfehlen. Da sind Sie den ganzen Tag müde, sabbern abends aus dem Mund und ich kenne kaum Patienten, die damit eine Frau oder einen Mann gefunden haben.“
    Sie meinen, damit klappt´s dann nicht mehr im Bett?
    „Kommt drauf an, was sie unter klappen verstehen.“ (lacht prustend)
    Also, wenn ich mir das so überlege, für meine Frau würde ich sterben. Darüber habe ich schon oft mit ihr geredet. Und wenn ich dann nicht mehr mit ihr schlafen kann, dann doch lieber den linken kleinen Finger.
    „So ist das ja nun nicht. Es gibt schon Fälle, wo dass auch mit dem Clozapin noch klappt im Bett. Also, einige wenige schon.“
    Nein. Der linke kleine Finger.
    (Nenchev nimmt den Kuli, murmelt nun nicht mehr und schreibt nun auf: ´entscheidet sich oft um´.)
    Wissen Sie, Herr Nenchev, ich bin ja hier, wegen meiner Verzweiflung.
    „Die geht dann weg. Dann sind Sie nicht mehr verzweifelt. Dann denken Sie nur noch an ihren rechten – ähhh – linken kleinen Finger. Und der ist dann ab!“
    Ach, so, wenn die Studie das sagt.
    „Das sagt nicht nur die Studie, so was lernt man heutzutage an der Universität!“
    Dann muss es ja stimmen. Und wenn ich dann andere Erfahrungen damit mache?
    „Für Erfahrungen ist die Selbsthilfegruppe zuständig. Damit habe ich nichts zu tun. Das müssen Sie dann da erzählen.“
    Ach, so. Na dann gibt es ja doch noch Hoffnung. Und mit wem rede ich dann da?
    „Das sind alles ganz erfahrene Leute. Dem einen fehlt ein Finger, dem anderen vielleicht zwei. Gegründet hat sie der Erfahrenste. Dem fehlen alle fünf Finger an einer Hand, zwei an der Anderen und ein Zeh ist auch schon ab.“
    Na, der muss ja wissen, wie man die Verzweiflung los wird. Den will ich dann mal sprechen.
    „Der kommt auch gar nicht mehr in meine Praxis. Der schneidet sich die Finger schon selber ab. Wir sprechen das nur noch am Telefon ab. Sehr erfahren, dieser Mann.“
    Aber wenn das so ist, Herr Nenchev. Dann nehme ich lieber dieses Clozapin. Meine Frau wird schon irgendwie damit fertig.
    „Gute Entscheidung. Und wenn sich Ihre Frau von Ihnen trennt und die Verzweiflung noch größer wird, dann wissen Sie ja, es gibt noch eine alternative Methode.“
    Also, wie war die Dosierung?
    „Moment, ich schreib gleich das Rezept.“ (nimmt den Kuli und schreibt das Rezept. Murmelt dabei) „Clozapin. 200 Milligramm, drei mal am Tag. So, das war´s.“
    Danke, Herr Doktor. Ich bin mir sicher, mein Leben wird jetzt wieder besser.
    „Und Tschüß – grüßen Sie mir Ihre Frau.“
    (Bessert steht auf und geht raus. Nenchev nimmt das Telefon und drückt eine Taste darauf.)
    „Ach, Schwester Gabi. Ich habe wieder einen vom Clozapin überzeugt. Diesmal in Rekordzeit. Und dabei musste ich nicht mal übertreiben.“


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